Wo Sie die Miete noch zahlen können
Wir haben rund eine Million Inserate visualisiert. Unsere interaktive Karte zeigt, in welchen Gemeinden Sie sich mit Ihrem Budget eine Wohnung noch leisten können.

Von Kaspar Manz und Marc Brupbacher (Interaktiv-Team) und Martin Sturzenegger (Text)

Kann ich eine Dreizimmerwohnung in der Stadt Zürich noch zahlen? Wo muss ich mit meinem Budget hinziehen, damit jeder in der Familie ein eigenes Zimmer haben kann? Unsere interaktive Karte zeigt es Ihnen. Das Interaktiv-Team des «Tages-Anzeigers» hat 923’946 Wohnungsinserate visualisiert. Erhoben hat die Daten das Immobilienberatungsbüro Wüest & Partner von Anfang 2016 bis Mitte 2017. Mehr zu den Daten finden Sie am Ende des Beitrags.

Die Mieten sind vor allem in den Städten Zürich, Genf und Lausanne sowie in deren Vororten exorbitant. In Mies (VD), Commugny (VD), Tannay (VD) und Pregny-Chambésy (GV) gab es nur 5% der Vierzimmerwohnungen für weniger als 2500.– Franken. Ohne Nebenkosten. In der Stadt Genf zahlte man für 1987 von 5254 (37,8%) ausgeschriebenen Vierzimmerwohnungen weniger als 2500.– Franken. In der Stadt Zürich waren von Anfang 2016 bis Mitte 2017 insgesamt 7655 Vierzimmerwohnungen ausgeschrieben. Lediglich 39 Prozent gab es unter 2500 Franken. Besser sah es in der Stadt Bern aus: 79,9 Prozent der Vierzimmerwohnungen gab es für weniger als 2500 Franken, in Luzern 74,6 Prozent, in Basel 74 Prozent. Am allergünstigsten ist das Wohnen hierzulande im Kanton Jura und im Berner Jura, wo man in etlichen kleineren Gemeinden sehr gute Chancen hat, für weniger als 1000 Franken pro Monat eine 4- bis 4,5-Zimmerwohnung zu ergattern.

Wie sieht es in Zürich aus?

Die Wahl des Wohnorts ist kein Wunschkonzert. Das gilt vor allem für Wohnungssuchende im Raum Zürich. Seit Jahrzehnten sehen sie sich mit steigenden Mieten konfrontiert. Die hohen Mieten sind Ausdruck des wirtschaftlichen Erfolgs. Zürichs Wirtschaftsmotor brummt, während es immer mehr Menschen schwerfällt, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Wer nicht von einem subventionierten Angebot profitiert, bewegt sich auf dem freien Markt. Alleinerziehende, Arbeitslose, Studierende und immer mehr auch Vertreter des Mittelstands: sie müssen sich fragen, ob es für sie in diesem Kanton noch ein Plätzchen gibt. Falls ja: Wo befindet es sich? Alle halten sich bei der Suche ihres Wunschobjekts an die eiserne Regel: Die Monatsmiete beträgt nicht mehr als ein Drittel des Bruttoverdienstes. Wir haben fünf Szenarien durchgespielt.

5 Profile von Mietern: wo finden sie eine Wohnung in Zürich?

Die Alleinerziehende

Sie gelten als die stillen Kämpferinnen und Kämpfer unserer Gesellschaft: die Alleinerziehenden. Über 90 Prozent gehen einem Job nach, daneben gilt es die Kinder zu versorgen. Zum Klagen bleibt ihnen kaum Zeit, so auch Barbara. Nach der Trennung von ihrem Mann sucht sie für sich und ihre beiden Kinder eine neue Bleibe. Ihr privates Umfeld lebt in Zürich, sie schätzt ein breites kulturelles Angebot. Deshalb hat eine zentrale Lage mit gutem Kinderkrippenangebot Vorrang. Barbara wäre bereit, den Stadtkreis zu wechseln, ein Wechsel in die Agglomeration kommt für sie nicht infrage.

Nach kurzer Suche schwinden bei Barbara die Hoffnungen, in der Stadt ein bezahlbares Objekt zu finden. In den Kreisen 4 und 5 liegen nur 7,6 Prozent beziehungsweise 6,2 Prozent der 3-Zimmer-Wohnungen im Budget. Die beste Ausgangslage bietet sich für die Alleinerziehende noch im Kreis 12 (Schwamendingen) mit 40,5 Prozent. Weil Barbara aber ein belebtes Stadtleben wichtig ist, richtet sie ihren Fokus auf Winterthur: Knapp die Hälfte der 5414 Wohnungsinserate sind innerhalb ihres Budgets.

Die Studi-WG

Bessere Chancen auf eine bezahlbare Wohnung in einem zentralen Zürcher Stadtkreis haben die drei Studenten Robin, Tom und Paula. Inklusive den Zustüpfen ihrer Eltern bringen sie es auf ein monatliches Gehalt von 6000 Franken. Alle drei Studieren in Zürich, alle wünschen sich eine Wohnung, die in der Nähe des Zürcher Nachtlebens liegt.

Fast im ganzen Kanton haben die drei sehr gute Chancen eine bezahlbare Wohnung zu finden. Doch ausgerechnet in Zürich sieht es düster aus: Im bevorzugten Kreis 5 stehen die Chancen bei gerade mal 6,8 Prozent. Im benachbarten und nicht minder hippen Kreis 4 steigt die Wahrscheinlichkeit auf immerhin 17,2 Prozent. Das ist besser als beispielsweise in Wipkingen (Paulas Favorit) mit 11,2 Prozent bezahlbaren Wohnungen. Weil die Zeit drängt und Tom hörte, dass in Altstetten nun auch Pop-up-Restaurants eröffnen, erweitern sie ihr Suchgebiet auf den Kreis 9. Der Prozentsatz ist mit 16,7 zwar leicht tiefer als im Kreis 4. Doch das Angebot ist mit 111 verfügbaren Objekten deutlich breiter.

Die Familienplaner

Das junge Paar Claudia und Anton plant seine Zukunft. Die Wohnung soll in einer ländlichen Gemeinde liegen und Platz für zwei Kinder bieten. Weil beide in Zürich arbeiten, sind sie auf einen guten verkehrstechnischen Anschluss angewiesen. Das Budget legen sie bei 2000.– fest, weil Claudia im Kindesfall nicht arbeiten will.

Weil die Stadt für Claudia und Anton ohnehin nicht infrage kommt, stehen ihre Chancen gut. In Uster, einer ihrer Favoritengemeinden, liegen 60,2 Prozent der Wohnungen im bezahlbaren Bereich. Nach weiterer Suche stossen die beiden jedoch auf einen Geheimtipp: In Greifensee, nur 20 Zugminuten von Zürich entfernt, liegen 256 der 277 4-Zimmer-Wohnungen bei unter 2000 Franken Miete. Zudem bietet die Gemeinde einen überdurchschnittlich tiefen Steuerfuss von 91 Prozent.

Der Sozialhilfebezüger

Als ausgesteuerter Sozialfall ist Richard auf Wohnungssuche. Weil sein privates Umfeld in der Stadt lebt, begrenzt der Alleinstehende seine Suche auf Zürich. Dafür stehen ihm gemäss Sozialhilfegesetz höchstens 1100 Franken für die Monatsmiete zu.

Zürich ist für Richard ein hartes Pflaster. In allen Stadtkreisen liegt die Wahrscheinlichkeit deutlich unter 50 Prozent, um eine bezahlbare 1,5-Zimmer-Wohnung zu finden. Bemerkenswerterweise wären seine Chancen in Rüschlikon, einer der reichsten Gemeinden der Schweiz, grösser. Immerhin 17 der 33 Wohnungen lägen in Richards Budget. Dazu käme ein tiefer Steuerfuss von 78 Prozent. Da bei Richard Letzteres jedoch nicht ins Gewicht fällt und er in der Stadt bleiben will, konzentriert er sich auf Schwamendingen. Dort liegen 56,6 Prozent der Wohnungen im bezahlbaren Bereich.

Die verdrängten Nutzniesser

Bernadette und Benedict leben zurzeit noch in ihrer 5-Zimmer-Stadtwohnung in der Zürcher Altstadt für 2800.–. Die Kinder sind inzwischen ausgezogen, und die Stadt hat die Kriterien für subventioniertes Wohnen verschärft. Sprich: Bernadette und Benedict müssen raus. Auf die fünf Zimmer möchten sie allerdings nicht verzichten, in der Zürcher Altstadt fühlen sie sich wohl. Eine Gemeinde mit Seeanstoss wäre für sie die einzige Alternative. Dafür sind sie bereit, das Budget auf maximal 3000.– zu erhöhen.

Zum ersten Mal seit langem mit dem freien Wohnungsmarkt konfrontiert, erschrickt das Paar: Nur eine von 57 Wohnungen im geliebten Zürcher Kreis 1 läge innerhalb ihres Budgets. Nach langem Suchen stossen sie jedoch auf eine unscheinbare Gemeinde am linken Zürichseeufer: Oberrieden. Dort sind immerhin 37 von 93 5-Zimmer-Wohnungen für unter 3000 Franken verfügbar. Dazu kommt ein sehr tiefer Steuerfuss von 88 Prozent.

Über die Daten

In der Schweiz kommt es jährlich zu rund 400’000 Mieterwechseln. Den Grossteil davon erfasst das Monitoring von Wüest & Partner. Es wertet die Wohnungsangebote aller gängigen Internetportale aus und erfasst die Inserate in 120 Zeitungen und Zeitschriften. Daraus resultiert die grösste Mietpreis-Datensammlung der Schweiz.

Doch die Vermieter schreiben nicht alle frei werdenden Wohnungen im Internet oder per Inserat aus. Verzichten sie darauf, fliesst der entsprechende Mietpreis nicht in die Datensammlung ein. Etwa bei einer Vergabe unter der Hand oder via Warteliste. Vor allem bei Genossenschaftswohnungen kommt dies oft vor. Generell werden günstige Wohnungen eher unter der Hand weitergereicht als teure Apartments. Die Angebotspreise liegen also im Mittel etwas tiefer als hier ausgewiesen. Die Zahlen von Wüest & Partner zeigen, womit man rechnen muss, wenn man im Internet oder per Inserat eine Wohnung sucht. Dies trifft für 60 bis 80 Prozent aller Mieterwechsel zu. Zudem: Die visualisierten Mietpreise sind alle exklusive Nebenkosten.

Die Auswertung erfolgte pro Quartal. Der Auswertungszeitraum erstreckt sich von Anfang 2016 bis Mitte 2017 (6 Quartale). Um Mehrfachnennungen innerhalb eines Quartals zu vermeiden, wurde eine Duplikatbereinigung vorgenommen. Jedes Objekt wird damit pro Quartal maximal einmal gezählt. Objekte, die die über mehrere Quartale ausgeschrieben waren, wurden mehrfach gezählt. Insgesamt wurden 923’946 Inserate erfasst.