Ade Schnee

Wo ist es noch schneesicher? Wie viele Schneetage 33 Schweizer Orte in den letzten 30 Jahren verloren haben.

Schnee ist wichtig für Tourismus und Wasserwirtschaft, er weckt aber auch Emotionen. Die Schweiz immer häufiger ohne Schnee? Unvorstellbar. Aber, wohl schon schneller Realität, als uns lieb ist. Lange Messreihen zeigen, dass es in den vergangenen 30 Jahren im Winter in der Schweiz je nach Ort und Lage bis zu 67 Prozent weniger Schneetage pro Saison gab als noch von 1959 bis 1988 (Was gilt als Schneetag?   Siehe Methodik). «Diese Entwicklung ist bedenklich», sagt Klimaforscher Christoph Marty vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), von welchem auch die Daten stammen. «Historische Aufzeichnungen der letzten 500 Jahre zeigen, dass es im Schweizer Mittelland noch nie eine so geringe Schneebedeckung gegeben hat wie in den letzten Dekaden», so Marty weiter.

Um diesen vor allem in tiefen und mittleren Lagen dramatischen Wandel besonders sichtbar zu machen, haben wir die Entwicklung der Schneedecke an 33 Orten der ganzen Schweiz visualisiert. Dabei vergleichen wir die Mittelwerte der Anzahl Schneetage der Perioden 1959 bis 1988 und 1989 bis 2018.

In Zürich lag beispielsweise von 1959 bis 1988 durchschnittlich an 35 Tagen Schnee, von 1989 bis 2018 waren es nur noch 20 Tage, also 43 Prozent weniger. «Wenn sich die Erde gleich erwärmt wie die letzten Jahrzehnte, wird ab 2050 in Zürich vielleicht noch alle 15 Jahre mehr als eine Woche Schnee liegen», sagt Marty.

Tiefe Lagen201–800 m
  • Als Schneetag gilt ein Tag mit mind. 5 cm Schnee
  • Wir vergleichen die Ø Anzahl Schneetage pro Saison der Perioden 1959–1988 und 1989–2018
  • Eine Wintersaison dauert von November bis April

Lugano

273 m

–67% Schneetage

Sion

480 m

–54% Schneetage

Locarno

365 m

–53% Schneetage

Neuenburg

485 m

–53% Schneetage

Visp

655 m

–53% Schneetage

Bellinzona

230 m

–45% Schneetage

Brusio

800 m

–45% Schneetage

Basel

316 m

–43% Schneetage

Zürich

556 m

–43% Schneetage

Bern

555 m

–32% Schneetage

Was ist Ende der 1980er-Jahre passiert, warum hat die Schneedecke so sprunghaft abgenommen?

Ende der 1980er-Jahre sind die Temperaturen abrupt gestiegen. Dies ist ein globales Phänomen, das man noch nicht im Detail verstanden hat. Seither ist auch eine noch nie beobachtete Abnahme der Schneetage festzustellen. In tiefen Lagen ist es so warm geworden, dass der Niederschlag markant häufiger als Regen und nicht mehr als Schnee fällt. Eine Rolle für diesen plötzlichen Temperaturanstieg dürfte die Luftverschmutzungsbekämpfung in den 1980er-Jahren gespielt haben, die dann spätestens in den 1990er-Jahren zum sogenannten Global Brightening führte. Die Luft wurde sauberer, somit konnten die Sonnenstrahlen die Erde wieder stärker aufheizen und der vom Menschen gemachte Treibhauseffekt voll durchschlagen. Weil man diese Zusammenhänge aber bis heute nicht vollständig versteht und sicher auch noch Meeresströmungen eine Rolle spielen, können sich sprunghafte Temperaturanstiege erneut ereignen.

Wie sieht ein typischer Winter in der Schweiz im Flachland in 30 Jahren aus?

Wenn die Temperaturen gleich steigen wie zuletzt, dann muss in Zürich, Basel und Bern mit 80 Prozent weniger Schneetagen bis 2050 gerechnet werden. Es bleiben also nur noch ein paar wenige Tage mit Schnee pro Saison, und es wird eine zunehmende Anzahl Winter gänzlich ohne Schneedecke geben. Das zeigen Modellrechnungen des SLF. Auch die mittleren Lagen verlieren bis in 30 Jahren 80 Prozent der Schneetage. Dort wird die Schneedecke ebenfalls häufig nicht mehr permanent sein. Langfristig betrachtet hat der Winterniederschlag zwar leicht zugenommen, aber immer häufiger als Regen und nicht mehr als Schnee.

Mittlere Lagen801–1300 m
  • Als Schneetag gilt ein Tag mit mind. 30 cm Schnee
  • Wir vergleichen die Ø Anzahl Schneetage pro Saison der Perioden 1959–1988 und 1989–2018
  • Eine Wintersaison dauert von November bis April

Poschiavo

1078 m

–66% Schneetage

Lauterbrunnen

805 m

–63% Schneetage

Einsiedeln

910 m

–53% Schneetage

Chaux-de-Fonds

1018 m

–49% Schneetage

Küblis

810 m

–46% Schneetage

Engelberg

1060 m

–39% Schneetage

Scuol

1298 m

–34% Schneetage

Airolo

1139 m

–26% Schneetage

Campo Blenio

1215 m

–19% Schneetage

Klosters

1195 m

–17% Schneetage

Warum hat Klosters relativ wenig Schnee verloren?

Klosters ist eine der höchsten und schneereichsten Stationen in dieser Höhenlage, es gibt dort besonders viel Niederschlag. Das Prättigau ist ähnlich ausgerichtet wie das Toggenburg und das Glarnerland, gegen Nordwesten offen, da staut sich die Feuchtigkeit. Und trotzdem gilt Braunwald GL nicht als schneesicher, obwohl der Ort einer der höchsten Neuschneesummen der Schweiz aufweisen kann. Der Grund: Braunwald ist gleichzeitig eine Sonnenterrasse, und der Glarner Föhn tut das seinige dazu. Es gibt sehr viele lokale Phänomene, die die Schneedecke beeinflussen. Darum haben sicher auch Standortverschiebungen der Messstationen innerhalb der untersuchten 60 Jahre einen Einfluss auf die Daten.

Schneesicher scheint auch Andermatt. Warum?

Andermatt profitiert aufgrund seiner Lage am Alpenhauptkamm zweifach. Erstens erhält es häufig Schnee bei Nord- und Südlagen, und zweitens ist der Talboden von einem Kältesee beeinflusst, der die Schneedecke vor warmen Temperaturen schützt. Dafür ist Andermatt eher schattig und windig.

Warum gibt es im Engadin so wenig Schnee?

Das Engadin liegt zwar auch am für Niederschlag günstig gelegenen Alpenhauptkamm, aber die umschliessenden Berge sind dort so hoch und zahlreich, dass die Wolken häufig nicht mehr durchkommen. Ein typisches inner-alpines Trockental. Auch Zermatt ist so ein Trockental, gegen Westen geschlossen, da sind die Berge sogar besonders hoch. Es braucht dort schon ganz spezielle Wetterlagen, dass es viel Schnee gibt. Dafür ist Zermatt sehr sonnig.

In Airolo gibt es relativ viele Schneetage, und der Rückgang ist moderat, obwohl es im Süden liegt. Warum?

Airolo und Campo Blenio profitieren beide von ihren Standorten am Ende eines engen Tales, wo erstens häufig Niederschlag fällt und die Nullgradgrenze aufgrund von Staueffekten häufig tiefer ist als anderswo.

Hohe Lagen1301–1800 m
  • Als Schneetag gilt ein Tag mit mind. 50 cm Schnee
  • Wir vergleichen die Ø Anzahl Schneetage pro Saison der Perioden 1959–1988 und 1989–2018
  • Eine Wintersaison dauert von November bis April

Zermatt

1600 m

–41% Schneetage

Zuoz

1710 m

–39% Schneetage

Cavaglia

1690 m

–35% Schneetage

Grindelwald Bort

1560 m

–34% Schneetage

Samedan

1705 m

–31% Schneetage

Davos

1560 m

–29% Schneetage

Ritom

1800 m

–26% Schneetage

Bosco Gurin

1530 m

–22% Schneetage

Ulrichen

1350 m

–22% Schneetage

St. Antönien

1510 m

–21% Schneetage

Andermatt

1440 m

–18% Schneetage

Mürren

1650 m

–16% Schneetage

Trübsee

1770 m

–4% Schneetage

Vergangenen Winter gab es so viel Schnee wie lange nicht mehr. Wie geht das zusammen?

Der Winter 2017/18 war in den Alpen einer der schneereichsten der letzten 30 Jahre, aber nur oberhalb von 1500 Meter. Weiter unten war es häufig viel zu warm für Schneefall. Der Dezember und Januar waren sehr niederschlagsreich, was in grosser Höhe zu sehr viel Schnee in kurzer Zeit und entsprechender Lawinengefahr führte. Gleichzeitig kam es weiter unten zu Murgängen, Hangrutschungen und Hochwasser mitten im Winter. In diesem Sinne war der letzte Winter in der Tat aussergewöhnlich. Aber auch wieder nicht: Klimamodelle sagen vermehrt Überschwemmungen im Winter voraus.

Wenn es durch den Klimawandel mehr Niederschlag gibt, fällt dann in hohen Lagen mehr Schnee?

Richtig. Modellrechnungen zeigen, dass dieser Effekt oberhalb von 2500 Metern bis maximal Mitte Jahrhundert zu grösseren Winter-Schneehöhen führen kann. Die gleichen Modelle zeigen aber auch, dass dieses Mehr an Schnee nicht in den Sommer gerettet werden kann, weil die grosse Wärme eine intensivere Schmelze verursacht. Ein gutes Beispiel dafür ist der letzte Winter, die überdurchschnittlichen Schneemengen waren überraschend schnell wieder weg, den Gletschern hat das nicht geholfen. Ab 2050 ist dann aber auch in hohen Lagen immer öfter Schluss mit viel Schnee. Wie die neuesten Klimaszenarien für die Schweiz zeigen, wird die winterliche Nullgradgrenze bis Mitte Jahrhundert im Bereich der hohen Lagen liegen (1301 bis 1800 Meter), Naturschnee allein kann dann auch dort keine Schneesicherheit mehr garantieren.

Davos liegt über 1500 Meter, weist aber relativ wenig Schneetage aus und hat auch viel verloren in den letzten 30 Jahren. Warum?

Davos liegt an der Grenze zwischen Nord- und Mittelbünden und erhält darum bereits nicht mehr so viel Niederschlag wie Klosters oder Arosa.

In Trübsee ist die Schneedecke über 60 Jahre praktisch konstant geblieben. Gibt es eine Erklärung?

Trübsee ist die schneereichste und eine der höchsten Stationen in diesem Datensatz und zudem auch in einem lokalen Kältesee gelegen. Auf dieser Höhenlage ist es trotz Erwärmung häufig noch kalt genug, sodass der Niederschlag weiterhin meistens als Schnee fällt. Andere ähnlich hoch gelegene Stationen am Alpennordhang zeigen einen vergleichbar kleinen Rückgang der Schneetage.

Was müssten wir tun, damit wir auch in 50 Jahren garantiert viel Schnee auf den Pisten haben?

Das Klimasystem ist so träge, dass die Temperaturen die nächsten Jahrzehnte auf jeden Fall weiter zunehmen und die Schneetage entsprechend abnehmen werden. Wir können nur Schadensbegrenzung betreiben, damit es nicht noch schlimmer wird. Wenn wir es schaffen, die Erwärmung bei maximal 2°C zu begrenzen, wird der Rückgang der Schneedecke bis Ende Jahrhundert nur halb so gross sein, wie wenn wir einfach wie bisher weitermachen.

 

 

 

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Methodik

Expertise

Dr. Christoph Marty, WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF.

Quelle und Analyse

Die täglichen Schneehöhenangaben stammen vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) sowie vom Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (Meteo Schweiz). Für die Auswahl wurden lediglich Stationen berücksichtigt, die über Langzeitdaten von mehr als 60 Jahren verfügen. Die 33 Stationen befinden sich in der ganzen Schweiz und sind in drei Höhenzonen unterteilt: Tiefe Lagen 201–800 m, mittlere Lagen 801–1300 m und hohe Lagen 1301–1800 m. Fehlende oder fehlerhafte Werte wurden mithilfe von Daten von benachbarten Messstationen ergänzt.

Weil die jährliche Schneedecke grossen natürlichen Schwankungen unterliegt, haben wir die 60 Jahre in zwei gleich grosse Zeitperioden (1959–1988 und 1989–2018) unterteilt, um so mit den jeweiligen Mittelwerten den Unterschied von gestern zu heute aufzuzeigen. Als Wintersaison wurde November bis April gewählt, weil damit die Anzahl Tage mit nennenswerter Schneebedeckung (Schneetage) an den höher gelegenen Stationen besser erfasst werden kann.

Als Schneetag zählt ein Tag mit einer bestimmten Mindestschneehöhe. Die Grenzwerte wurden anhand von typischen Winteraktivitäten in der jeweiligen Höhenzone gewählt: In tiefen Lagen ist es der Bau eines Schneemanns (5 Zentimeter Schnee), in mittleren Lagen Langlaufen (30 cm) und in hohen Lagen Skifahren (50 cm). Aufgrund der unterschiedlichen Grenzwerte können die drei Höhenlagen nicht direkt untereinander verglichen werden.

Die Anzahl Schneetage eignet sich als Indikator, weil er Niederschlag, Temperatur und Zeit vereint und zudem für jedermann gut vorstellbar ist. Im Gegensatz dazu ist der Indikator der durchschnittlichen Schneehöhe eine Zahl, die von Extremwerten beeinflusst wird und schlecht fassbar ist. Der Indikator Neuschneesumme sagt nur etwas über die Schneefallmenge aus, ohne zu berücksichtigen, an wie vielen Tag Schnee gefallen ist und ob der Schnee liegen geblieben ist. Die maximale Schneehöhe wiederum ist zwar wichtig für gewisse Anwendungen, ist aber häufig nur von kurzfristiger Dauer und sagt gerade in tiefen Lagen nichts über den Schneereichtum eines Winters aus.