Landeier gegen Stadtkinder

Der Stadt-Land-Graben im Datencheck
Fotos: Mario Nowak/EyeEm

Sind die Mütter bei der Niederkunft in der Stadt oder auf dem Land älter? Wo ist es gefährlicher? Wer wählt welche Partei? Schätzen Sie mit – und überdenken Sie Ihre Vorurteile.

Von Mathias Lutz und Marc Brupbacher

Der wahre Konflikt in der Schweiz sei nicht jener zwischen den Ethnien, Sprachregionen oder Konfessionen, sondern der zwischen Stadt und Land, heisst es. Wir haben anhand von 15 Datensätzen versucht herauszufinden, wie unterschiedlich die verschiedenen Siedlungstypen wirklich ticken.

In der Schweiz leben 17 Prozent der Bevölkerung in den zehn grössten Städten von Biel bis Zürich. Nur noch rund 15 Prozent wohnen «richtig» auf dem Land – dies auf knapp 60 Prozent der Landesfläche in 768 Gemeinden. Alle anderen 68 Prozent leben in periurbanen Gebieten, in städtischen Agglomerationen oder dörflichen Zentren (insgesamt 1477 Gemeinden) – also weder auf dem abgeschiedenen Land noch in einer Kernstadt.

Wo die Schweizer Bevölkerung lebt

Land

Land

 
15,3%
leben auf dem Land
auf 58,7% der Fläche.

Periurban

 
21,9%
leben in periurbanen Gemeinden
auf 25,6% der Fläche.

Stadt

Städtisch

 
45,9%
leben in städtischen Gemeinden
auf 14,6% der Fläche.

Stadt

 
17%
leben in den zehn grössten Städten
auf 1,1% der Fläche.
Quelle: Bundesamt für Statistik, 2017

Mit statistischen Daten, welche wir vier Schweizer Siedlungstypen zuordnen, versuchen wir herauszufinden, in welchen Bereichen die Unterschiede zwischen urbanen und dörflichen Gebieten besonders gross sind ( mehr zur Methodik). Raten Sie mit, und überprüfen Sie Ihre Vorurteile!

Wo die Schweiz wächst

Veränderung der ständigen Wohnbevölkerung, 2010–2016
LandPeriurbanStädtischStadt5,6%8,1%7,0%6,7%
Quelle: BFS – Bilanz der ständigen Wohnbevölkerung

Von 2010 bis 2016 wuchs die Schweizer Bevölkerung um sieben Prozent. Ländliche Regionen wuchsen nur unterdurchschnittlich – viele schrumpften gar, vor allem in den Bergregionen. Der grosse Boom der Städte ist aber ebenfalls vorbei. Am stärksten wuchsen periurbane Agglomerationsgemeinden – rund 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung leben mittlerweile dort. Prognose für die Zukunft: Die Randregionen werden sich weiter entvölkern, es ist eine unumkehrbare Entwicklung. Die Wanderungsströme werden in jenen Kantonen positiv bleiben, die im Einflussbereich der grossen Städte liegen.

Wo werden mehr Wohnungen gebaut?

Neu erstellte Wohnungen pro 1000 Einwohner, 2015
LandPeriurbanStädtischStadt7,556,886,255,04
Quelle: BFS – Gebäude- und Wohnungsstatistik

Überraschenderweise werden auf dem Land mehr Wohnungen pro Kopf gebaut als in der Stadt. Wie die «Wo die Schweiz wächst»-Grafik zeigt, müsste es doch aber genau umgekehrt sein. Viele Wohnungen sind in den letzten Jahren also nicht dort entstanden, wo eine Nachfrage besteht. Weil es in grossen Städten wie Zürich an Boden fehlt und die Bewilligungsverfahren länger dauern, weichen Grossinvestoren in ländlichere Regionen aus. Dort bleiben dann die Wohnungen allerdings oft leer. Über diese Fehlentwicklung haben wir erst kürzlich im Artikel «Voll verplant» berichtet.

Wo werden mehr Babys geboren?

Anzahl Lebendgeburten pro 1000 Einwohner, 2016
LandPeriurbanStädtischStadt9,79,910,412,1
Quelle: BFS – Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegung

Es gibt einen kleinen Babyboom in Schweizer Städten. Junge Paare können sich ein Familienleben heute auch in der Stadt vorstellen und ziehen nicht zwingend in Vororte. Zudem haben ausländische Frauen tendenziell mehr Kinder als Schweizer Frauen, und die leben eher in Städten. Städtische Gemeinden haben zwar nach wie vor eine niedrigere Geburtenziffer als ländliche Gebiete, das heisst weniger Geburten pro 1000 Frauen im gebärfähigen Alter. Dafür liegt die rohe Geburtenziffer höher, die auch oben visualisiert ist. Es gibt also vergleichsweise viele Geburten, wenn man sie an der Gesamtbevölkerung misst. Der Grund dafür ist der überdurchschnittlich hohe Anteil von Frauen im Alter von 25 bis 39 in Schweizer Städten.

Wo sind die Mütter bei der Geburt älter?

Anteil der Mütter im Alter >35 an allen Lebendgeburten, 2016
LandPeriurbanStädtischStadt25,3%31,1%30,9%38,6%
Quelle: BFS – Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegung

Das Durchschnittsalter von Müttern bei der Geburt liegt in der Schweiz inzwischen bei knapp 32 Jahren – 1971 lag es noch bei 27,7 Jahren. Nur in Italien und in Spanien gebären in Europa die Frauen in ähnlich hohem Alter. In Schweizer Städten sind inzwischen knapp 40 Prozent der Frauen bei der Geburt mindestens 35 Jahre alt – unabhängig davon, ob es das erste, zweite oder dritte Kind ist. Auf dem Land ist jede vierte Frau beim Zeitpunkt der Geburt über 35. Längere Ausbildungszeiten, der spätere Eintritt ins Berufsleben, Veränderungen der Lebens- und Verhaltensweisen erklären den Anstieg.

Wer dichter wohnt

Anzahl Einwohner pro km², 2016
LandPeriurbanStädtischStadt54,8179,7663,13144,8
Quelle: BFS – Bilanz der ständigen Wohnbevölkerung

Die Unterschiede sind erwartbar gewaltig. Die grösste Bevölkerungsdichte in der Schweiz weist die Stadt Genf auf. Unter den Top 10 sind mit Basel, Rorschach und Zürich nur drei Städte aus der Deutschschweiz vertreten, die restlichen Städte liegen in der Romandie.

Wo mehr Ausländer wohnen

Anteil Ausländer an der ständigen Wohnbevölkerung, 2016
LandPeriurbanStädtischStadt17,0%17,2%27,7%34,6%
Quelle: BFS – Bilanz der ständigen Wohnbevölkerung

In der Schweiz leben etwas mehr als zwei Millionen Ausländer. Der Ausländeranteil im Siedlungstyp Stadt ist exakt doppelt so gross wie auf dem Land. Die Gemeinde mit dem grössten Ausländeranteil in der Schweiz ist Kreuzlingen TG: Hier haben 54,6 Prozent keinen Schweizer Pass, die Hälfte davon sind Deutsche. Darauf folgen Renens VD (51,1 Prozent) und Spreitenbach AG (50,4 Prozent). Die Stadt Genf verfügt mit 47,8 Prozent Ausländern den höchsten Anteil unter den Grossstädten.

Wo leben mehr Junge (20- bis 39-Jährige)?

Anteil der 20–39-jährigen an der ständigen Wohnbevölkerung, 2016
LandPeriurbanStädtischStadt24,8%23,7%26,4%33,1%
Quelle: BFS – Statistik der Bevölkerung und der Haushalte

In den grossen Städten sind ein Drittel der Einwohner zwischen 20 und 39 Jahre alt, es ist die grösste Altersgruppe in der Stadt. Auf dem Land beträgt dieser Anteil lediglich 24,8 Prozent. In periurbanen und ländlichen Gebieten leben dafür deutlich mehr 40- bis 79-Jährige als in der Stadt. Allerdings: Kinder und Jugendliche (0–19) gibt es anteilsmässig nach wie vor mehr auf dem Land (20,8 Prozent) als in der Stadt (17,5 Prozent).

Wo wird mehr geheiratet?

Anzahl Heiraten pro 1000 Einwohner, 2016
LandPeriurbanStädtischStadt4,4%4,5%5,0%6,0%
Quelle: BFS – Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegung

Es ist schwierig zu sagen, weshalb die Heiratsziffer abnimmt von städtisch zu ländlich. Mögliche Gründe: In den Städten leben mehr Ausländer, und entgegen der verbreiteten Heiratsmüdigkeit steigt die Zahl der gemischt-nationalen Ehen in der Schweiz stetig an. Zudem leben in den Städten eher jüngere Personen im passenden Alter fürs Standesamt.

Wer welche Partei wählt

Parteistärken bei Nationalratswahlen, 2015
Quantum Global-Hauptsitz, Zug
Quelle: BFS–Statistik der Wahlen und Abstimmungen

Der Stadt-Land-Graben ist in der Politik Realität: Die Städte stehen politisch links, während das Land konservativ eingestellt ist. Dies, obwohl die Mobilität zwischen ländlichen und städtischen Gebieten stark zugenommen hat. SVP und CVP sind die ländlichsten unter den Schweizer Parteien. SP und Grüne haben ihre Basis in städtischen Gemeinden. Die FDP ist in der Agglomeration am stärksten. Diese Verteilung prägt die Schweizer Politlandschaft seit langem.

Wo ist die Wahlbeteiligung höher?

Wahlbeteiligung bei Nationalratswahlen, 2015
LandPeriurbanStädtischStadt50,1%50,3%48,1%48,2%
Quelle: BFS – Statistik der Wahlen und Abstimmungen

Wo es mehr Jobs gibt

Vollzeitjobs pro 1000 Einwohner, 2015
LandPeriurbanStädtischStadt378288487816
Quelle: BFS – Statistik der Unternehmensstruktur

Wer einen Job will, kommt an der Stadt nicht vorbei: Rund 53 Prozent aller Arbeitsstätten und 76 Prozent aller Grossunternehmen (+250 Beschäftigte) befinden sich in städtischen Gebieten.

Wo es gefährlicher ist

Straftaten gemäss Strafgesetzbuch pro 1000 Einwohner, 2014
LandPeriurbanStädtischStadt37,436,960,4121,1
Quelle: BFS – Polizeiliche Kriminalstatistik

Es ist kein Klischee: In den Städten werden deutlich mehr Straftaten verübt als auf dem Land. Die kriminellsten Städte, nur auf Gewaltdelikte bezogen, waren 2017: Basel (13,7 Delikte pro 1000 Einwohner), La Chaux-de-Fonds (11,6), Lausanne (11,4), Biel (11,2), Freiburg (10,6).

Wo mehr Sozialfälle wohnen

Sozialhilfequote, 2016
LandPeriurbanStädtischStadt2,1%1,9%3,5%5,8%
Quelle: BFS – Statistik über die Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger in der Schweiz

2016 gab es in der Schweiz 273’273 unterstützungsbedürftige Personen, davon lebten 69,4 Prozent in urbanen Räumen. In den Städten La Chaux-de-Fonds (11,9 Prozent), Biel (11,8 Prozent) und Neuenburg (9,6 Prozent) leben anteilsmässig die meisten Sozialhilfebezüger. Generell fällt auf, dass in der Romandie mehr Personen Unterstützung benötigen als in der Deutschschweiz.

Wo besitzen die Einwohner mehr Autos?

Personenwagen pro 1000 Einwohner, 2018
LandPeriurbanStädtischStadt657,5655,5579,1401,4
Quelle: Bundesamt für Strassen Astra

In der Schweiz sind über 4,5 Millionen Autos und 720’000 Motorräder registriert. Den tiefsten Anteil Personenwagen pro Person weisen die grossen Städte Basel (334 Autos pro 1000 Einwohner), Zürich (347), Lausanne (362) und Genf (368) auf. Die höheren Werte in kleineren Städten und auf dem Land hängen mit der schlechteren Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr und dem Umstand zusammen, dass in diesen Gemeinden der Arbeitsort oft nicht mit dem Wohnort zusammenfällt. Seit 2007 nahm der Motorisierungsgrad in den grössten Städten der Schweiz um gut 12 Prozent ab. 2007 kamen dort auf einen Einwohner noch 0,42 Personenwagen, 2016 nur noch 0,36. In allen anderen Gemeindegrössenklassen ist der Motorisierungsgrad seit 2007 jedoch gestiegen.

Wo besitzen die Einwohner mehr Elektroautos?

Elektrische Personenwagen pro 1000 Einwohner, 2018
LandPeriurbanStädtischStadt2,02,82,11,7
Quelle: Bundesamt für Strassen Astra

Wo gibt es mehr Arztpraxen pro Kopf?

Arztpraxen pro 1000 Einwohner, 2015
LandPeriurbanStädtischStadt1,020,842,435,89
Quelle: BFS - Dienstleistungen für die Bevölkerung

Wo gibt es mehr Restaurants pro Kopf?

Restaurants, Cafés pro 1000 Einwohner, 2015
LandPeriurbanStädtischStadt4,502,262,734,07
Quelle: BFS - Dienstleistungen für die Bevölkerung

Wo gibt es mehr Schulen pro Kopf?

Obligatorische Schulen (Primarstufe + Sekundarstufe I) pro 1000 Einwohner, 2015
LandPeriurbanStädtischStadt1,721,581,191,14
Quelle: BFS - Dienstleistungen für die Bevölkerung

Unabhängig der teilweise grossen statistischen Kluft zwischen Dorf und Stadt sind die meisten Schweizer sehr zufrieden mit ihrem Leben - egal, wo sie leben. Auf einer Skala von 0 (gar nicht zufrieden) bis 10 (vollumfänglich zufrieden) liegt die durchschnittliche Bewertung bei einer 8. Das zeigt eine Umfrage des Bundesamts für Statistik. Auf dem Land zeigen sich die Befragten leicht zufriedener (8,1) als in den Städten (7,7). Die Unterschiede sind klein und scheinen wenig signifikant zu sein. Bisher konnte die Glücksforschung nicht feststellen, dass Menschen auf dem Land zufriedener sind als in der Stadt – eher das Gegenteil. Sicher ist nur, dass Pendeln unglücklich macht.

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Methodik

Weil die Grenzen zwischen Stadt und Land unscharf sind, arbeitet das Bundesamt für Statistik mit einem komplexen Modell, das die Schweizer Gemeinden unter anderem in 9 Typen unterteilt (Gemeindetypologie und Stadt/Land-Typologie 2012). Dabei spielen Dichte-, Grössen- und Erreichbarkeitskriterien eine Rolle (Räumliche Typologien des Bundesamtes für Statistik).

Unsere Stadt/Land-Typologie wiederum ist von dieser Gemeindetypologie mit 9 Kategorien abgeleitet. Neben einer städtischen und einer ländlichen Kategorie haben wir auch einen Typ periurban, der sowohl städtische wie auch ländliche Merkmale aufweist, bzw. ländliche Gebiete mit kurzen Fahrzeiten zum Zentrum von Agglomerationen beinhaltet. Dieser Ansatz erlaubt es, die heutigen Gegebenheiten auf angemessene Art und Weise abzubilden. Als vierte Kategorie haben wir in Absprache mit dem BFS die neu geschaffene Kategorie Stadt hinzugefügt, welche die zehn grössten Städte der Schweiz umfasst.

Zu welchem Siedlungstyp gehört Ihre Gemeinde?

Die Datensätze wurden für die Visualisierung normalisiert, das heisst in Relation zur Einwohnerzahl der jeweiligen Siedlungstyp-Kategorie gesetzt. Für die Darstellung der Sozialhilfequote wurden beispielsweise die absoluten Zahlen der Sozialhilfebeziehenden jeder Gemeinde pro Kategorie addiert und danach der prozentuale Anteil an der ständigen Wohnbevölkerung 2016 berechnet.