Leben nach dem Tod

Zehn Überlebende von Terroranschlägen in Europa erzählen.

Von Monika Fischer, Mathias Braschler, Mikael Krogerus, Lea Koch und Mathias Lutz

Madrid, London, Oslo, Paris, Nizza, Berlin – seit einiger Zeit verbinden wir diese Metropolen nicht mehr nur mit Weekendtrips oder Sprachaufenthalten, sondern mit Terroranschlägen. Allein seit 2015 gab es mehr als vierzig Attentate in Europa. Der Kontinent ist zum Kriegsgebiet des islamistischen, aber auch des rechtsextremen Terrors geworden.

Auch wenn wir Bilder einzelner Anschläge noch klar vor Augen haben, werden die Erinnerungen bald vom nächsten Attentat überschrieben. Der Terrorakt von heute verdrängt den von gestern, die Horrorbilder aus Manchester jene aus Nizza. War «Paris» 2016 oder 2017? Der Platz in unserem Newsfeed und vielleicht auch in unseren Herzen ist beschränkt.

Das Schweizer Fotografenpaar Monika Fischer und Mathias Braschler stellte sich die Frage: Wie geht es den Überlebenden? Wer sind die Menschen, die den Tag eines Anschlags nie mehr vergessen werden? Fischer und Braschler entschlossen sich zu einem radikalen Projekt: Ein Jahr lang fotografierten und befragten sie Überlebende von Terroranschlägen. Ihre Arbeit handelt – entgegen der Medienlogik – nicht von den Tätern, sondern wirklich und ausschliesslich von den Opfern. Es sind ebenso einfühlsame wie verstörende Porträts von Menschen, die durch die Hölle gegangen sind. Oder noch immer gehen.

Wir zeigen hier Videos, Bilder und Textauszüge aus den Gesprächen. Es sind Botschaften aus der Einsamkeit. Aber auch Anleitungen zum Überleben.

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«Er war kein Mensch.»


Adam Lawler, Manchester 2017

 

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«Verdammt nochmal, es ist ein Terroranschlag.»


Marine Vincent, London 2017

 

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«Man will nicht ein Paar des 13. November sein.»


Chloé De Bacco & Mehdi Zaidi, Paris 2015

 

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«Er bekam, was er wollte.Ich nicht.»


Daniel Biddle, London 2005

 

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«Entweder schwimmst du jetzt – oder nie.»


Emma Martinovic, Utøya 2011

 

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«Der LKW pflügt sich zu uns durch.»


Hager Benaouissi, Nizza 2016

 

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«Und dann passiert es ein zweites Mal.»


Luis Ahijado & Paloma Morales, Madrid 2004/2006

 

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«Mir wurde bewusst, wie viele Menschen tot sind.»


Noumouké Sidibé, Paris 2015

 

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«Er hat uns nicht zerstört.»


Russell Schulz, Berlin 2017

 

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«Ich hatte gewonnen – und er verloren.»


Tarjei Jensen Bech, Utøya 2011

 

Monika Fischer und Mathias Braschler interviewten Überlebende von Terroranschlägen in ganz Europa. braschlerfischer.com

«DIE ABSOLUTE SINNLOSIGKEIT DES TERRORS»

Das Magazin: Frau Fischer, Herr Braschler, Sie haben fast ein Jahr Überlebende von Terroranschlägen in Europa porträtiert. Wie kam es zu dieser Idee?

Mathias Braschler: Anschläge sind in Europa fast zu einer Art trauriger Normalität geworden. Am Tag des Anschlags und vielleicht noch in den Tagen danach gibt es Berichte und Sondersendungen, aber wir haben uns gefragt: Was passiert danach? Wie geht es denen, die überlebt haben? Monika Fischer: Wir wollten den Opfern Gesichter und Namen geben – und die Chance, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Waren sich die Opfer im Umgang mit den Folgen ähnlich?

Fischer: Jede Person befand sich in einem anderen Stadium der Verarbeitung. Manche suchen das Risiko, andere trauen sich kaum auf die Strasse. Aber alle, wirklich alle waren schwer traumatisiert. Was ebenfalls allen gemeinsam war: Für sie waren die Täter Verbrecher, nicht Muslime.

Und wie unterschied sich der Umgang mit den Opfern von Land zu Land?

Fischer: In Frankreich fühlten sich die Menschen von ihrem Land sehr getragen. In anderen Ländern wurden die Anschläge politisch instrumentalisiert, so erhielten in Spanien ETA-Opfer mehr Unterstützung als Opfer des IS-Terrors. In Norwegen stand das ganze Land unter Schock.

Was hat die Arbeit mit Ihnen persönlich gemacht?

Braschler: Mich hat das Jahr sehr mitgenommen. Ich wurde irgendwann ein bisschen paranoid. Dir wird klar: Es kann auch hier passieren. Und du kannst nichts machen.

Hat die Arbeit auch Ihren Blick auf politischen Terror verändert?

Braschler: Mir wurde die absolute Sinnlosigkeit des Terrors vor Augen geführt. Terror zerstört ganz viel, aber erreicht nichts. Er ist nur sinnlos. Ich habe auch mehr Angst vor der Radikalisierung bekommen, vor dem Internet, vor der Möglichkeit, in den Wahn reinzugehen.

Wenn Sie die Augen schliessen und an diese Arbeit denken – welche Geschichte taucht als erste auf?

Fischer: Dan Biddle, der bei den Anschlägen in London beide Beine verlor. Er wollte Selbstmord begehen, kämpft mit Traumata – und wirkt doch wie ein glücklicher Mensch. Braschler: Stark in Erinnerung bleibt Utøya, das war die absolute Grausamkeit. Aber ich will die Schicksale nicht miteinander vergleichen. Jedes einzelne war auf seine eigene Art schlimm.