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Der Schweizer Wald steht zunehmend unter Stress

Wegen Hitze und Trockenheit nehmen Schäden an den Bäumen zu – und die Extremjahre häufen sich.

Yannick Wiget, Andreas Moor

2018 erlebte die Schweiz einen Hitzesommer mit starker Dürre. 2019 war es nicht ganz so trocken, dafür aber noch heisser mit Rekordtemperaturen. Und 2020 rechnen Meteorologen wieder mit einem überdurchschnittlichen Sommer. Keine guten Aussichten für den Schweizer Wald, der rund einen Drittel der Landesfläche bedeckt. Denn dieser leidet immer stärker unter den extremen Wetterbedingungen.

Das stellt unter anderem der europäische Waldzustandsmonitor fest, der von der Technischen Universität München betrieben wird. Er misst anhand von Satelliten-Aufnahmen, wie grün und damit vital die Vegetation ist. Wir haben auf Anfrage Daten für die Schweiz bekommen. Sie zeigen, dass der Stress für den Wald auch hierzulande zunimmt.

2003
Die Messung des Farbspektrums des von den Blättern reflektierten Lichts ergibt, dass 2003 22 Prozent der Schweizer Bäume
gestresst waren.
Vitalität
Niedrig
Hoch

Die Visualisierung der Daten macht die negative Entwicklung ersichtlich: In den letzten Jahren reflektierte der Wald vermehrt Licht im roten Spektralbereich, was Stress bedeutet. Je roter, desto mehr vorzeitige Laubfärbung gibt es und desto schlechter geht es der Vegetation. Je grüner, desto höher die Vitalität.

«2019 befanden sich etwa 15 Prozent der Waldfläche in der Schweiz unter Stress. 2018 waren es sogar fast 30 Prozent», sagt Allan Buras, Koordinator des Waldzustandsmonitors. «Unter normalen Bedingungen sollten es nicht mehr als 5 Prozent sein.» Schon früher gab es Jahre, in denen der Wald gelitten hat. Etwa im legendäre Hitzesommer 2003, der alle Temperaturrekorde brach. Aber solche extreme Jahre haben sich in jüngster Zeit gehäuft.

Von einem einzelnen heissen und trockenen Sommer kann sich der Wald erholen, wenn die nächsten Jahre wieder normale Bedingungen herrschen. Das zeigt die Entwicklung nach 2003. Gibt es aber in mehreren aufeinanderfolgenden Saisons wenig Niederschlag und hohe Temperaturen, wird es kritisch. «Die beiden Sommer 2018 und 2019 hatten einen deutlichen negativen Einfluss. Die Wälder sind angeschlagen», sagt Buras.

Diesen Eindruck teilt auch Arthur Gessler von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf: «Lokal haben die Schäden an Bäumen zugenommen.» Zwar gebe es noch keine klare Tendenz, dass sich die Vitalität in der ganzen Schweiz verschlechtere. «Aber die Extremjahre häufen sich, der Stress für den Wald nimmt zu», sagt Gessler.

2003–2019
Vitalität des Baumbestandes gemessen an den Rot-Grün-Anteilen der Färbung der Blätter.

Vitalität
Niedrig
Hoch
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
2019

In der Schweiz herrscht im Sommer oft eine trockene Hitze, die Verdunstung der Bäume an die Luft wird dadurch verstärkt. Haben diese zu wenig Wassernachschub aus dem Boden, können sie sich nicht mehr kühlen und werden beschädigt. Geschwächte Bäume wiederum sind empfindlicher für äussere Einflüsse wie Stürme oder Schädlinge.

«Wir hatten massive Borkenkäferschäden dieses und auch schon letztes Jahr», sagt Gessler. Er erwartet, dass beispielsweise die Mortalität bei Fichten zunehmen wird, die von den Käfern mit Vorliebe befallen werden. Heisse Sommer und warme Winter tragen das ihrige dazu bei. Auch Buchen sind an gewissen Standorten gefährdet und es wird wegen des Klimawandels immer mehr solche Standorte geben. Zudem wird laut Gessler das Absterben der Föhre langfristig zunehmen, vor allem in niederen Lagen wie dem Rhonetal im Wallis.

«Wenn wir wieder einen Hitzesommer erleben, dann gibt es grosse Schäden.»
Arthur Gessler, Ökologe

Oft wird oft beobachtet, dass die eigentliche Mortalität erst im ersten und zweiten Folgejahr sichtbar wird. Und die letzten drei Sommer waren alle Jahrhundert­ereignisse (hier geht es zu unserer Auswertung: 156 Schweizer Sommer im Vergleich). Die Auswirkungen davon dürften heuer zu spüren sein. Wegen der Verringerung des Wassergehalts färbten sich beispielsweise viele Buchenwälder braun und sind heute noch stark beschädigt.

Sollte es dieses Jahr wieder trocken bleiben, würde sich die Situation weiter zuspitzen. «Wenn wir wieder einen Hitzesommer erleben, dann gibt es grosse Schäden», warnt Gessler und verweist besorgt auf die bisherigen Prognosen. Die Weltwetterorganisation (WMO) rechnet 2020 mit einer «Rekord-Hitzesaison» auf der Nordhalbkugel. Noch ist diese in der Schweiz nicht eingetroffen. Aber das war auch 2018 so, das am Schluss als heisses und trockenes Jahr zahlreiche Rekorde brach. Der Saisonausblick von Meteo Schweiz, also die Vorhersage der Temperaturtendenz für die nächsten drei Monate, lässt erahnen, dass sich auch bei uns wieder ein überdurchschnittlich warmer Sommer ankündigt.

Fallen über geschwächte Bäume her: Borkenkäfer fressen Löcher in die Rinde und den Bast einer Fichte. Foto: Keystone

Noch ist der Schweizer Wald generell in gutem Zustand und hat in den letzten Jahren punkto Artenvielfalt sogar zugelegt. Aber er gerät wegen des Klimawandels unter Druck: Zu diesem Schluss kommt auch der Bund in seinem neusten Waldbericht. Demnach haben sich Perioden mit grosser Waldbrandgefahr verlängert. Aufgrund der Erwärmung ist der Holzvorrat an Nadelhölzern wie der Fichte im Mittelland rückläufig. Und das Risiko, dass sich Wärme liebende Schädlinge im Schweizer Wald verbreiten, steigt.

Was kann man gegen diese Entwicklung tun? Laut Gessler sollte man Mischwälder fördern, wie das in der Schweiz schon stark gemacht wird. «Das hat den Effekt, dass sich verschiedene Bäume gegenseitig unterstützen, zum Beispiel wenn ihre Wurzeln unterschiedlich tief reichen und sie sich so gegenseitig kein Wasser wegnehmen», erklärt der WSL-Forscher.

Eine Chance ist auch die Förderung von Baumarten, die während den Trockenperioden weniger leiden als andere. Die Eiche so eine Kandidatin. Eingeführte Baumarten wie die Douglasie, die Grosse Küstentanne oder die Orientbuche könnten sich ebenfalls anbieten. Doch die Frage, welche Baumart sich in einem wärmeren und trockeneren Klima in Zukunft behaupten wird und holzwirtschaftlich einen genügend grossen Ertrag abwirft, sei nach wie vor offen, schreiben die Autoren des Waldberichts.