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Wie sich das Coronavirus verbreitet — und wie nicht
Kann sich das Coronavirus über die Luft verbreiten? Reicht es schon für eine Ansteckung, wenn ich mit einem Infizierten spreche? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Übertragungswegen von Sars-CoV-2.

Marc Brupbacher und Sebastian Broschinski
Aktualisiert am 20. März 2020

Wie man andere Menschen genau mit Sars-CoV-2 anstecken kann, wird zurzeit weiter erforscht. Momentaner wissenschaftlicher Konsens ist, dass die neuen Coronaviren vor allem über eine Tröpfchen- und Kontaktinfektion weitergegeben werden: Also durch direktes Anhusten oder Körperkontakt mit einer kranken Person. Eine reine Übertragung über die Luft wurde bisher nicht nachgewiesen.

1. Ist es ansteckend, neben einer mit Sars-CoV-2 infizierten Person zu stehen?

Das neue Coronavirus wird hauptsächlich bei engem und längerem Kontakt übertragen. Das heisst, bei weniger als 2 Metern Abstand während mehr als 15 Minuten, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt. Die Übertragung erfolgt primär durch Tröpfchen: Niest oder hustet die erkrankte Person, können die Viren direkt auf die Schleimhäute von Nase, Mund oder Augen von anderen Menschen gelangen. Dies kann direkt von Mensch-zu-Mensch über die Schleimhäute geschehen oder auch indirekt über Hände.

Risiko einer Ansteckung

Petra Gastmeier von der Charité in Berlin empfiehlt gründliches Händewaschen als vorsorgliche Schutzmassnahme (So waschen Sie sich richtig die Hände). Der entscheidende Punkt sei, Abstand zu halten.

2. Kann ein einzelnes Virus einen Menschen krank machen?

Nein, einzeln, ohne einen Tropfen Schleim oder Speichel, ist der Erreger ungefährlich. Die kugelförmigen Viren sind ungefähr 1000-mal kleiner als die Breite eines Haares. Damit sind sie nur mit dem Elektronenmikroskop zu erkennen. Aber Viren sind meistens zusammen unterwegs und werden in Sekretklumpen und Tropfen ausgehustet. Beim Sars-Virus mussten hundert auf einmal in die Lunge eindringen, um dem Menschen ernsthaft gefährlich zu werden.

Wenn diese Sekretklumpen nichts treffen, fallen sie nach gut einem Meter auf den Boden. Damit man krank wird, müssen die Viren aber Zugang zu Augen, Mund und Nase haben.

Die meisten Experten sind sich momentan einig, dass Niesen und Husten die primären Übertragungsformen des neuen Coronavirus sind. Also, über eine sogenannte Tröpfcheninfektion. Das bedeutet, dass ein enger Kontakt mit Infizierten nötig ist.

Immer in Taschentuch oder Armbeuge niesen:
Durch Husten und Niesen können sich Viren weit verbreiten
Lydia Bourouiba, Professor John Bush, MIT

3. Kann sich das Coronavirus über die Luft verbreiten?

Das neue Coronavirus ist nicht mit Masern vergleichbar, die sich in kleinsten Dosen und über weite Strecken verbreiten können. Der emeritierte Immunologie-Professor Beda Stadler sagt: «Das neue Coronavirus wird über grosse Tropfen und Schmierinfektion übertragen. Wenn man anderen Personen nicht näher als eine Armlänge kommt, kann man sich nicht anstecken.»

Julian Tang, Virologe und Professor an der Universität von Leicester in England, sagt gegenüber der «New York Times»:

«Wenn Sie riechen können, was jemand zu Mittag gegessen hat, atmen Sie ein, was er ausatmet, einschliesslich aller Viren in seinem Atem.»

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, dass das neuartige Coronavirus vor allem über Tröpfchen und nicht über die Luft übertragen wird.

Es gibt aber auch aktuelle Studien (siehe nächster Punkt), die eine gewisse Überlebensfähigkeit der Viren als Partikel in der Luft (Aerosolen) festgestellt haben.

Das Robert Koch-Institut schreibt, dass es bisher keine Evidenz dafür gibt, dass sich Menschen über Aerosole mit Sars-CoV-2 angesteckt haben. Da die Studienlage dazu jedoch noch recht dünn ist, kann die Möglichkeit auch nicht völlig ausgeschlossen werden.

4. Wie lange überleben die Viren auf Oberflächen?

Eine Studie, die im US-Fachblatt «Journal of the American Medical Association» (Jama) veröffentlicht wurde, kommt zum Schluss, dass das neue Coronavirus auch über verunreinigte Flächen weitergegeben werden kann. In der gleichen Studie, in welcher die Zimmer von Covid-19-Patienten untersucht wurden, gibt es auch Hinweise, dass das Virus über Exkremente übertragen werden kann. In der Luft fanden sie keine Viren.

Eine andere Studie des US-Gesundheitsinstituts NIH fand heraus, dass Sars-CoV-2 auf Kunststoff und Edelstahl bis zu 72 Stunden überleben kann. Auf Karton und Papier dagegen überlebte das Virus nur bis zu 24 Stunden. Das heisst, dass solange noch lebensfähige Viren nachweisbar waren, ihre Menge sich aber deutlich reduziert hatte. In der Luft ist es dagegen als Partikel (Aerosolen) bereits nach etwa drei Stunden nicht mehr nachweisbar. Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass ein solcher Übertragungsweg plausibel sein könnte. Es kommt jedoch auch darauf an, wie hoch die Viruslast in den Aerosolen ist und ob diese ausreicht, um einen anderen Menschen zu infizieren. Die US-Studie konnte nicht klären, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit man sich aufgrund aktiver Viren auf Oberflächen oder in der Luft infizieren kann. Es kommt auch darauf an, wie viele Viren an einer Stelle aufgenommen werden, also wie gross die Viren-Konzentration etwa an der Türklinke ist. Wie viele das für eine Ansteckung sein müssten, ist noch nicht bekannt. Das Gute: Die Viren sind sehr einfach und innerhalb einer Minute mit Desinfektionsmitteln oder Seife zu zerstören.

Bislang seien keine Übertragungen des Virus in Supermärkten, in Restaurants oder auch beim Friseur nachgewiesen worden, erklärte hingegen der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Für Streeck sieht es so aus, «dass eine Türklinke nur infektiös sein kann, wenn vorher jemand quasi in die Hand gehustet und dann draufgegriffen hat.» Danach müsse man selbst auf die Türklinke greifen und sich ins Gesicht fassen. «Wir waren in einem Haushalt, wo viele hochinfektiöse Menschen gelebt haben, und trotzdem haben wir kein lebendes Virus von irgendeiner Oberfläche bekommen», sagte er gegenüber dem Deutschlandfunk.

Auch Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité hatte zuvor im NDR-Podcast darauf hingewiesen, dass Coronaviren gegen Eintrocknung extrem empfindlich seien. Deshalb spielt eine Übertragung per Kontakt zum Beispiel mit Scheinen oder Münzen nach Einschätzung des Virologen kaum eine Rolle.

Also: Eine Übertragung durch Schmierinfektion durch kontaminierte Oberflächen ist prinzipiell nicht ausgeschlossen. Welche Rolle sie spielt, ist nicht bekannt. Eine Ansteckung erfolgt aber primär direkt von Mensch zu Mensch.

Das BAG schreibt dazu: Die ausgeschiedenen Coronaviren überleben einige Stunden in winzigen Tröpfchen auf Händen oder Oberflächen wie Türklinken, Haltevorrichtungen, Liftknöpfen etc. Ob man sich auch anstecken kann, wenn man diese Oberflächen anfasst und danach Mund, Nase oder Augen berührt, ist zurzeit nicht ganz klar.

Andreas Widmer vom Universitätsspital Basel hält es für wahrscheinlich, dass ein kleinerer Teil der Ansteckungen an 2019-nCoV über sogenannte Schmierinfektionen erfolgt, also durch den Kontakt mit kontaminierten Oberflächen, wie ihn die NZZ zitiert.

Das deutsche Gesundheitsministerium schreibt: Eine Übertragung über unbelebte Oberflächen ist bisher nicht dokumentiert. Eine Infektion mit Sars-CoV-2 über Postsendungen erscheint daher unwahrscheinlich.

5. Muss man Smartphones und Tablets ständig desinfizieren?

Angesichts der Corona-Krise gibt es zahlreiche Tipps, die sich auf zahlreiche Studien berufen und empfehlen, die Smartphones und Tablets nicht nur regelmässig zu reinigen, sondern auch zu desinfizieren. Tatsächlich aber sind solche Empfehlungen zumindest fragwürdig, sagen Hygiene-Experten. «Handys sind viel weniger kontaminiert, als man das denkt», sagt etwa Mikrobiologe Markus Egert, der zu Hygiene im Alltag forscht. In einer 2015 veröffentlichten Studie fand er heraus, dass sich auf einem Quadratzentimeter Touchscreen durchschnittlich nur eine Bakterie findet. Viren auf Handys habe er zwar nicht untersucht, «aber auch da ist davon auszugehen, dass das keine Virenschleudern sind», sagt Egert.

Er sehe aktuell keinen Bedarf, das Smartphone zu desinfizieren, sagt auch der Ärztliche Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene, Ernst Tabori. Handys seien in der Regel ein sehr persönlicher Gegenstand und würden nicht weitergereicht. Das Handy sei das Spiegelbild der eigenen Sauberkeit beziehungsweise Keime. Wichtiger sei daher, die Hände regelmässig und gründlich zu waschen, sagt Tabori.

Mikrobiologe Egert hält es unabhängig von der Corona-Pandemie für sinnvoll, das Smartphone oder Handy hin und wieder zu reinigen. «Es reicht aber völlig aus, das Gerät mit einem dezent feuchten Tuch oder Brillenputztuch abzuwischen», sagt er. Nur wer in einem klinischen Umfeld arbeite und sein Gerät dorthin mitnehme, müsse sein Smartphone oder Tablet darüber hinaus reinigen und desinfizieren.

Das iPhone – so, wie Apple es empfiehlt – mit einem von Desinfektionsmittel befeuchteten Tuch abzuwischen, könne man, um das Gewissen zu beruhigen. Es sei aber absolut nicht nötig, sagen sowohl Tabori als auch Egert.

6. Können Viren einen über die Haut infizieren?

Nein. Solange Sie die Hände waschen, bevor sie sich das Gesicht berühren, ist das ungefährlich. Virale Tröpfchen können nicht durch die Haut gelangen.

Bereiche der Hände werden beim Waschen oft vergessen
am meisten vergessen
oft vergessen
gelegentlich vergessen
Diese schon etwas in die Jahre gekommene Visualisierung ist wieder brandaktuell. Sie zeigt, wie gut das US-Gesundheitspersonal sich die Hände wäscht und welche Bereiche oft vergessen gehen. Viele Menschen waschen nur die Handinnenflächen, Sie sollten aber alle Bereiche der Hand gründlich abreiben.
Quelle:Taylor, LJ. An evaluation of handwashingtechniques. NursingTimes. Januar 1978.

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7. Sollte man noch rumknutschen?

Küsse können das Virus definitiv weitergeben. Auch sollte man nicht aus der gleichen Flasche trinken oder Essen teilen.

8. Wie lange dauert es zwischen Ansteckung und Erkrankung?

Die Inkubationszeit des neuen Coronavirus, das heisst die Zeitspanne zwischen der Ansteckung und dem Auftreten der ersten Symptome, beträgt etwa drei bis sieben Tage. Sie kann jedoch bis zu 14 Tage dauern. Im Schnitt beträgt sie 5.5 Tage. Wenn man an einer viralen Atemwegserkrankung leidet, ist man in der Regel dann am ansteckendsten, wenn man die stärksten Symptome hat. Beim neuen Coronavirus könnte das anders sein. Man ist möglicherweise bereits vorher ansteckend: unmittelbar bevor Symptome auftreten. Eine neue Studie stützt diese These, gemäss ihr geschehen 25 bis 30% der Ansteckungen in der Phase, wo der Erkrankte keine Symptome hat.

Die WHO sagt hingegen: Bei Covid-19 seien zwar Übertragungen 24 bis 48 Stunden vor dem Auftreten von Symptomen bekannt, sie seien aber nach derzeitigem Kenntnisstand anders als bei der Grippe selten und spielten für die Weiterverbreitung kaum eine Rolle. Eine Übertragung vor dem Auftreten von Symptomen lässt sich nur schwer kontrollieren. Bei Sars war das anders. Da passierte die Übertragung fast ausschliesslich von Menschen mit Symptomen.

9. Kann sich das Virus im Körper vermehren?

Bisherige Daten deuten darauf hin, dass sich das Virus leichter verbreitet als der Sars-Erreger. Das dürfte auch daran liegen, dass sich Sars-CoV-2 offenbar recht gut im Rachen vermehren kann – der Sars-Erreger befällt hingegen ausschliesslich die tiefen Atemwege. Der Virologe Christian Drosten sagt: «Ein Virus, das von Lunge zu Lunge springt, hat einen weiten Weg von Mensch zu Mensch. Eines aber, das von Hals zu Hals springt, wird in der U-Bahn übertragen.»

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