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Neuer Lesestoff

Die besten Bücher des Monats

Hier finden Sie den gut sortierten Lesestoff, den unsere Literaturredaktion empfiehlt.

Kulturredaktion
Aktualisiert am 16. November 2021

Die Aufdrängung

Ariane Koch. Suhrkamp Verlag 2021.
Roman
Foto: Kostas Maros
Eine Frau bewohnt nur neun von zehn Zimmern im verlotterten Elternhaus und lässt einen ungebetenen Gast in dieses freie Zimmer einziehen. Nur sind dort überall Staubsauger, wie in der gesamten Ortschaft auch. So der Beginn des kühnen und schillernden Prosadebüts der Basler Autorin, die sich in die Nähe von Kafka schreibt. Wie in «Die Verwandlung» treten auch in «Die Aufdrängung» Insekten, Ungeziefer und Wanzen auf. Darüber hinaus sind da das Groteske und diese traumartigen Bilder – wie der Gast immer mehr Tier wird, seine Arme und Beine breiten sich bizarr im Raum aus, und die Icherzählerin, als wäre es völlig selbstverständlich, misst den Umfang seines Gebisses aus, während er schläft. Es ist eine abgründige Komik, mit der Ariane Koch von Herkunft und Heimat, Privatsphäre und Gastfreundschaft erzählt. Sie sucht ihresgleichen. Und hätte dafür den Schweizer Buchpreis bekommen sollen. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.0
(29 Bewertungen)
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Hallo

Lara Stoll. Echtzeit Verlag 2021.
Kurzgeschichten
Foto: Ela Çelik
Das erste Buch von Lara Stoll ist eine wilde Sammlung von Kurztexten über ein geklautes Velo, den Umzug aus einer «fachgerecht runtergerockten» Wohnung oder das Nicht-schlafen-Können. Daneben Gedichte, teils auf Englisch, manchmal in Mundart über Haare oder ein Fischgericht. Dazwischen eine Auflistung von Gegenständen, die verschwinden können: Stunden in der Nacht, Säckchen mit Drogen oder Kugelschreiber. Und wenn Lara Stoll dem Duden einen Liebesbrief schreibt, der dachte, es sei etwas Unverbindliches zwischen ihnen, klingt das so: «Ich bin mähnlich schlanger von dir. In mir wächst die Neue peutsche Rechtstreibung! Mund deskalb: Pist du doch seinfach ein verdampfter Nacho. Unser warmes Rind, es raucht doch seinen Kater.» Auch wenn man viele dieser Texte auf der Bühne hören will, ist es ein farbiges und selbstironisches Spiel mit der Sprache, nach den eigenen Regeln von Lara Stoll. Lesen Sie hier unser Portrait von Lara Stoll. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.0
(39 Bewertungen)
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Allein

Daniel Schreiber. Hanser, Berlin 2021
Sachbuch
Foto: Christian Werner
Warum ist das Alleinleben in unserer Gesellschaft schambehaftet? Daniel Schreiber hat dazu einen wunderbaren und berührend ehrlichen Essay geschrieben, in dem er die eigene Scham, die Zweifel und Verletzungen ergründet. «Wir gehen mit der Annahme durch das Leben, dass man über alles hinwegkommen müsse. Häufig geht genau das nicht – häufig müssen wir, um unseren Weg zu finden, genau von dieser Annahme Abschied nehmen.» Dass die Zweierbeziehung den sicheren Hafen bedeute, sei gesellschaftlich tief verankert. Neben genug Geld und einem Beruf, der einen erfüllt. Schreiber schöpft zwar aus der eigenen Biografie, aber ohne dabei Momente narzisstischer Nabelschau zu erzeugen. Es ist ein Nachdenken über Erfahrungen der Einsamkeit, die viel kollektiver sind, als man vielleicht annimmt. Das ist höchst tröstlich. (zuk)
Leserbewertung
ø 4.0
(32 Bewertungen)
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Welten auseinander

Julia Franck. Fischer Verlag 2021.
Roman
Foto: imago images / Hartenfelser
«Die einzig verlässliche Beziehung, die ich in meiner Kindheit entwickelte, war die zu meinem Tagebuch.» Julia Franck, deren Romane oft auf Ereignisse in der Familiengeschichte zurückgreifen, geht diesmal das eigene Aufwachsen in chaotischen, lieb- und trostlosen Verhältnissen frontal an: in der Ich- und der Sieform, vertraut mit «dem Mädchen, das ich war», und fremd gegenüber den Umständen, denen es entwachsen ist – und durch die sie zu einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache wurde. In Ost-Berlin geboren, achtjährig mit Mutter und Schwestern über ein Flüchtlingsheim in den Westen gekommen, dort in einer Weise vernachlässigt, als hätte schwarze Antipädagogik das Skript dazu verfasst: Die Lektüre schockiert und löst zugleich Bewunderung aus. Denn Julia Franck gelingt es, das Elend durch intensive Vergegenwärtigung und analytische Distanz zu transponieren: in Literatur. Lesen Sie hier unsere ausführliche Rezension. (ebl)
Leserbewertung
ø 3.0
(18 Bewertungen)
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Die Nachricht

Doris Knecht. Hanser, Berlin 2021.
Roman
Foto: imago/ Manfred Segerer
Inzwischen hat Ruth gelernt, damit umzugehen, dass ihr Ehemann vor drei Jahren bei einem Skiunfall ums Leben gekommen ist. Sie trinkt gern Bier mit ihrem Nachbarn, sie sitzt oft mit dem Laptop im lauschigen Garten oder besucht ihren Kumpel Wolf in seiner Stadt-WG mit all den jungen Studentinnen. Dass ihr Leben doch wieder aus den Fugen gerät, liegt an den Facebook-Nachrichten, die sie plötzlich bekommt: Ihr verstorbener Gatte habe eine Affäre gehabt, heisst es dort. Bald bekommen auch ihre Freundinnen, Arbeitskollegen und Kinder ähnliche Messages. Wer steckt dahinter? Ist es die angebliche Geliebte selbst? Ruths neuer Lover vielleicht? Doris Knechts anregend geschriebener Roman macht deutlich, dass manche Social-Media-Nachrichten auch dann noch präsent sind, wenn sie längst gelöscht sind. (boe)
Leserbewertung
ø 3.5
(28 Bewertungen)
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Hat sie recht?

Thomas Meyer. Diogenes Verlag 2021.
Sachbuch
Foto: Gaetan Bally (Keystone)
«Ich will ein Kind, aber keinen Mann dazu, höchstens zur Zeugung. Ist das egoistisch?» Oder: «Muss ich eine über 20-jährige Freundschaft beenden, weil wir einander mittlerweile politisch und ideologisch völlig widersprechen?» Solche Fragen bekommt Thomas Meyer regelmässig zugeschickt. Und wer ihn um Rat fragt, bekommt ihn auch. Jetzt ist eine Sammlung mit den drängendsten Fragen rund um die Themen Familie, Beruf, Beziehung, Sexualität und Haustiere erschienen. Thomas Meyer ist kein Therapeut, gerade deshalb haben seine Antworten eine unvermittelte Frische, aber nicht dass Sie jetzt enttäuscht sind: Lösungen hat auch er oft keine. Viel eher lenkt er den Blick dorthin, wo man selbst vielleicht nicht gerne hinschaut. Auf einen selbst. Übrigens wurde sein Bestseller «Trennt euch!» gerade zum sechsten Mal nachgedruckt während der Pandemie, als das Zusammenleben nochmals richtig auf die Probe gestellt wurde. (zuk)
Leserbewertung
ø 2.5
(27 Bewertungen)
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Die Unzertrennlichen

Simone de Beauvoir. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Rowohlt, Hamburg 2021.
Roman
Foto: Gamma Keystone via Getty Images
Sylvie und Andrée sind beste Freundinnen. Sie sitzen in der katholischen Schule in Paris nebeneinander und unterhalten sich über Religion, Politik, Literatur und Jungs. Draussen tobt der Erste Weltkrieg, und Sylvie verliebt sich in Andrée. Diese wiederum liebt Bernard. Bei Sylvie handelt es sich um das Alter Ego der 9-jährigen Simone de Beauvoir. «Die Unzertrennlichen» ist der bisher unveröffentlichte Roman über die grosse Liebe der berühmten französischen Denkerin und Feministin zu einem anderen Mädchen. Ein rebellischer, kluger, sprachlich leichtfüssig erzählter Roman, der höchst romantisch wie tragisch von zwei Mädchen erzählt, die je für einen möglichen Lebensentwurf junger Frauen in den 1920er-Jahren stehen. Und: Es ist das fehlende und eindrückliche Puzzleteile in der Emanzipationsbiografie von Simone de Beauvoir. Lesen Sie hier unsere ausführliche Rezension. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.5
(25 Bewertungen)
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Crossroads

Jonathan Franzen. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, Hamburg 2021.
Roman
Foto: Getty Images/ John Atashian
Der neue Roman von Jonathan Franzen ist wieder ein Familienroman, diesmal der Auftakt zu einer geplanten Trilogie. Die Hildebrandts – Vater, Mutter und vier halbwüchsige Kinder – lieben und hassen sich, werben und streiten, wenden sich voneinander ab und wieder einander zu. Erwartung, Anspruch und der Wille, unbedingt eine «glückliche Familie» zu bilden, kollidieren mit einer psychischen Realität, die von Neid, Eifersucht und Rivalität geprägt ist. Und von einer Religiosität, die zu unablässiger Gewissenserforschung führt. Auf 800 Seiten führt der Autor uns zurück in die frühen 1970er-Jahre, sexuelle Freizügigkeit, Drogenexzesse, der ferne Vietnamkrieg bilden den Hintergrund. Franzen ist brillant wie immer – aber literarisch wirkt der Roman wie aus dem 19. Jahrhundert. Immerhin – wer kann das schon heute? Lesen Sie hier unsere auführliche Rezension. (ebl)
Leserbewertung
ø 4.0
(54 Bewertungen)
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Harlem Shuffle

Colson Whitehead. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser, München 2021.
Roman
Foto: Bettmann Archive
Nach den schweren, harten Romanen «Underground Railroad» und «Nickel Boys» legt der zweifache Pulitzerpreisträger Colson Whitehead mit «Harlem Shuffle» ein leichtes, komödiantisches, geradezu tänzerisches Buch vor. Das schwarze Harlem der 1950er- und 1960er-Jahre ist Schauplatz des Kampfes um gesellschaftlichen Aufstieg in einer Grauzone zwischen legalen und illegalen Geschäftsmethoden. Held ist der Möbelhändler Ray Carney, der «sauber» bleiben will und doch immer wieder in kriminelle Affären verwickelt wird. «Harlem Shuffle» ist ein überaus gelungener Mix: Gauner- und Schelmenroman, Aufstiegsgeschichte, faktenreiche und detailsichere soziologisch-historische Kartografie der Lage der Schwarzen in der Kennedy-Ära und schliesslich ein wimmeliges, farbiges, tönendes Porträt eines legendären New Yorker Stadtteils. Lesen Sie hier unsere ausführliche Rezension. (ebl)
Leserbewertung
ø 4.5
(28 Bewertungen)
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Der Beamte sagt

Herta Müller. Hanser, München 2021.
Erzählungen
Foto: Dominique Meienberg
Es ist nicht das erste Collagenbuch Herta Müllers, aber zum ersten Mal erzählt es eine Geschichte. Vom Auffanglager Nürnberg-Langwasser, das die Autorin, aus Rumänien kommend, 1987 durchlief. Von den Verhören durch wechselnde Beamte, die ihren Status als Verfolgte überprüfen, also erst mal bezweifeln – «Sie wollen den Sozialismus nicht, wieso sollte der Sie wollen» –, und Biografie in Bürokratie einpferchen. Träume versetzen die Erzählerin wieder in die Ceausescu-Diktatur, die Nachricht vom Selbstmord eines Freundes – war er «herbei geführt»? – erschüttert sie. Szenen in Büros, auf der Strasse und im Café lösen sich in ihre Bestandteile auf, die Wörter, jedes in einer anderen Typografie und Farbe, gewinnen individuelle Gestalt. Und knüpfen jenseits der gewohnten Syntax neue Verbindungen. Lesen Sie hier unser Portrait von Herta Müller. (ebl)
Leserbewertung
ø 4.0
(13 Bewertungen)
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Der Enkeltrick

Franz Hohler. Luchterhand, München 2021.
Kurzgeschichten
Foto: Anthony Anex (Keystone)
Kennen Sie «Bim Coiffeur» von Mani Matter? Darin wird das «metaphysische Gruseln» beschrieben, das einen überkommt, wenn sich beim Coiffeur Spiegel in Spiegel spiegelt und darum der eigene Mund in einem langen Korridor gleich hundertfach aufgeht. Ein ähnliches Kribbeln resultiert beim Lesen der elf neuen Kurzgeschichten von Franz Hohler: Sei es, dass ein abgestelltes Handy seinen Besitzer regelmässig mit SMS vor Verabredungen warnt. Sei es, dass in einem Berghotel plötzlich Steine aus dem Nichts in die Küche fallen. Hohler beobachtet den Schweizer Alltag genau, gibt seinen Erzählungen dann aber diesen unerwarteten Dreh, der sie aus dem helvetischen Rahmen fallen lässt. Und: Hier stehen für einmal keine jungen Heldinnen und Akteure im Fokus – praktisch alle Figuren sind schon im letzten Drittel des Lebens. Grau ist das mitnichten, sondern farbig und schräg wie stets bei diesem Schweizer Autor. (boe)
Leserbewertung
ø 4.0
(31 Bewertungen)
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Tage- und Notizbücher

Patricia Highsmith. Herausgegeben von Anna von Planta. Diogenes 2021.
Tagebuch
Foto: Getty Images
Ihr grösster Feind war ein Dackel. Patricia Highsmith hasste kaum jemanden so wie den Hund ihrer Geliebten. «Merkwürdige Eifersucht auf den Dackel, weil er auch in Ellen verliebt ist und die gleiche Unsicherheit, das gleiche Bedürfnis nach ständiger Bestätigung kundtut», hielt die Schriftstellerin in ihrem Tagebuch fest und brachte damit ihre eigene Unersättlichkeit auf den Punkt. Wie es um Patricia Highsmiths Innenleben zwischen 1941 und 1994 tatsächlich bestellt war, kann man jetzt erstmals in einer glänzend edierten Auswahl ihrer «Tage- und Notizbücher» erfahren. Sie lebte ihre Sexualität genussvoll aus, empfand sie aber dennoch als verkehrt. Sie äusserte sich lakonisch zu Männern: «Sie zu küssen, ist immer, als würde man eine gebratene Flunder küssen, ganz egal, wessen Mund es ist.» Und obwohl die Aufzeichnungen in ihrer Fülle etwas Bulimisches besitzen, gerät man in einen eigentümlichen voyeuristischen Sog. (Maike Albath, SZ)
Leserbewertung
ø 3.5
(20 Bewertungen)
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