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Neuer Lesestoff

Die besten Bücher des Monats

Hier finden Sie den gut sortierten Lesestoff, den unsere Literaturredaktion empfiehlt.

Kulturredaktion
Aktualisiert am 15. April 2022

Der Morgenstern

Karl Ove Knausgård. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand, 2022.
Roman
Foto: Rii Schroer / eyevine / laif
Die Menschen und die Natur geraten in «Der Morgenstern» in Schieflage. An zwei Sommertagen in Norwegen kommen viele Krabben an Land, eine Katze wurde totgetreten und liegt noch im lauwarmen Blut, und am Himmel erscheint plötzlich ein bisher unbekannter Stern. Knausgård schreibt zum ersten Mal nicht über sich selbst und tritt nun mit einer neuen Romanreihe auf, fünf Bände sollen es werden. Ein Ensemble von neun Figuren, alle hadern mit dem Existenziellen, erzählen aus der Ich-Perspektive. Da ist zum Beispiel der Literaturprofessor, der an seiner Frau verzweifelt. Eine OP-Schwester bemerkt, wie ein angeblich toter Mann plötzlich erwacht, als man ihm die Organe entnehmen will, oder ein Kulturjournalist, der Kultur grässlich findet. Knausgård erweist sich als Könner der Suspense-Momente, auch wenn die losen Erzählstränge hie und da etwas zerfallen, wird der Roman vom Unheil getragen und im Schauer und Horror steht Knausgård Stephen King in nichts nach. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.0
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Die Singuläre Frau

Katja Kullmann. Hanser Berlin, 2022.
Sachbuch
Foto: Getty Images
Alleinstehend, schwer vermittelbar und «keinen abbekommen»: Das sind nach wie vor Vorurteile, die Frauen, die allein leben, entgegenkommen. Katja Kullmann sagt bereits mit dem Titel, was singuläre Frauen in erster Linie sind: einzigartig. Die Journalistin und Autorin geht von sich selbst aus, sie lebt mit Anfang Fünfzig allein, sei da so reingerutscht, ins Singlesein. Es ist zwar höchst persönlich, was sie von sich schreibt, ohne aber je in die Nähe einer Nabelschau zu kommen. Bestechend ist Kullmanns Ansatz, wie sie das Eigene mit der sozialen und popkulturellen Geschichte der Frau ohne Begleitung verwebt und nicht weniger sagt, als dass die singuläre Frau «eine Pionierin der Moderne und Erfrischung der Gesellschaft» sei. Was war mit der alleinstehenden Büroangestellten zur Zeit der Weimarer Republik, und was ist eigentlich am Klischee der vereinsamten Akademikerin der Gegenwart wirklich dran, und wie könnte eine mögliche Zukunft der singulären Frau aussehen? Klug, unerwartet und zutiefst beruhigend ist dieses Buch. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.5
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Hundepark

Sofi Oksanen. Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022.
Roman
Foto: Getty Images
Sofi Oksanen ist finnisch-estnischer Herkunft, aber ihr sechster Roman spielt fast ausschliesslich in der Ukraine, von den 1990er- bis zu den 2010er-Jahren. Da lernen wir das Land, mit dem wir derzeit mitbangen und –leiden, von einer anderen Seite kennen. Der kriminellen nämlich. Am Beispiel des «Business» mit Eizellen und Leihmüttern, erleichtert durch eine laxe Gesetzgebung und eine unübersehbaren Zahl williger, weil bitterarmer Mädchen, zeigt die Autorin, wie Korruption und Machtmissbrauch das Land von ganz unten bis ganz oben durchziehen. Nicht mal der kleinste Job ist ohne Bestechung zu haben, und ganz oben, in der Oligarchenszene, herrscht ein obszöner, menschenverachtender Reichtum. Oksanen hat genau recherchiert und die Ergebnisse in eine Polit-Thriller-Handlung gepackt, erzählt von einer Figur, der man nicht ganz glauben kann, und es überdies mit Zeitsprüngen und zurückgehaltenen Informationen auch noch toll getrieben. Wer da etwas den Überblick verliert, muss sich nichts vorwerfen. Ein starker Eindruck bleibt. (ebl)
Leserbewertung
ø 4.0
(27 Bewertungen)
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Die Vermengung

Julia Weber. Limmat-Verlag, Zürich 2022.
Roman
Foto: Keystone
«Meine Kunst ist ein Teppich, auf dem ich gehe, auf dem ich stehe», schreibt Julia Weber in ihrem zweiten Roman. Und dieser Teppich wird ihr scheinbar unter den Füssen weggezogen, als sie mit ihrem zweiten Kind schwanger ist. Auf knapp 350 Seiten beleuchtet die Autorin die Frage: Kann ich Mutter und Künstlerin zugleich sein? Dabei verwebt sie stark autofiktionale mit fiktionalen Passagen und tritt mit ihrer Romanfigur Ruth in einen Dialog. Wie bereits in ihrem ersten Roman «Immer ist alles schön» saugen die langen Sätze und die eigenwillige Sprache Webers die Leserinnen und Leser in eine Innenwelt. Die Frage nach dem Muttersein, dem Frausein und dem Künstlerinnensein analysiert Weber mit ihrem poetischen Ton wie durch ein Mikroskop. Doch teilweise sind diese Betrachtungen etwas langatmig, insbesondere in jenen Passagen, in denen es um Ruth geht. Das Buch ist auch eine Vermengung von tagebuchartigen Einträgen, Briefen, Romanpassagen, aber auch Textauszügen von anderen Autorinnen und Autoren wie Leo Tolstoi oder Dorothee Elmiger. Diese Metaebene funktioniert meistens, lenkt aber an gewissen Stellen von den starken Passagen Webers ab, die die Leserin zum Nachdenken im besten Sinn anregen. (aho)
Leserbewertung
ø 3.0
(19 Bewertungen)
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Our Country Friends

Gary Shteyngart. Random House, 2021.
Roman
Foto: Getty Images
Der erste grosse Corona-Roman? Gary Shteyngart schickt eine Gruppe von Freunden ins Anwesen des Schriftstellers Sasha Senderovsky im Hudson Valley. Ein paar Künstlertypen, die irgendwo hinter Hügeln die Pandemie aussitzen und sich so etwas grundsätzlich leisten können, auch wenn alle in einer persönlichen Krise stecken. Senderovsky hat seine erfolgreichsten Jahre hinter sich, seine Frau Masha mahnt ständig Social Distancing an. Unter den Besuchern sind ein kranker Kindheitsfreund und die Chefin eines Start-ups, deren Verkupplungs-App so erfolgreich war, dass sie nun mit Klagen von Leuten eingedeckt wird, die von ihren Partnern verlassen wurden. Der Schauspielstar, nur als The Actor bezeichnet, bringt dann alles durcheinander. Shteyngart schafft ein so komisches wie anrührendes Sittenbild, die Auszeit schärft hier den literarischen Blick auf so existenzielle Leidenschaften wie Kindererziehung, Sex, K-Pop oder die Dynamiken der Cancel Culture. Und, vor allem, die Schönheit der Freundschaft. (blu)
Leserbewertung
ø 4.0
(7 Bewertungen)
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Against White Feminism. Wie weisser Feminismus Gleichberechtigung verhindert

Rafia Zakaria. Aus dem Englischen von Simoné Goldschmidt-Lechner. Hanserblau, München 2022.
Sachbuch
Foto: Jeremy Hogan
Die in den USA lebende Pakistanerin Rafia Zakaria ist Autorin, Anwältin – und Feministin. Und trotzdem ist ihr erstes Buch eines, das mit dem Feminismus äusserst hart ins Gericht geht. Oder genauer: mit dem weissen Feminismus. Zakaria kritisiert damit nicht alle Menschen, die weiss sind und sich als feministisch bezeichnen, sondern jene, die nicht anerkennen (wollen), welche Rolle Weisssein und die damit verbundenen Privilegien auch im Feminismus spielen. Choice Feminism, Othering, Empowerment, Intersektionalität, Sexpositivität, Entwicklungshilfe: Das Themenfeld, das Zakaria bearbeitet, ist breit. Dabei zitiert sie nicht nur feministische Theorien und Konzepte, sondern erzählt auch von ihrer eigenen Lebensrealität und ihren Erfahrungen als nichtweisse Frau. Und obwohl das Buch ein Glossar enthält, ist es kein Einstiegsbuch in feministische Themen, zu komplex sind teilweise die Ausführungen Zakarias. Gleichzeitig macht diese Detailversessenheit das Buch so interessant, weil es die Leserinnen und Leser herausfordert – und immer wieder anregt, die eigene Position zu überdenken. (aho)
Leserbewertung
ø 3.0
(24 Bewertungen)
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Müll

Wolf Haas. Hoffmann & Campe, Hamburg 2022.
Roman
Foto: Keystone
Brenner ist Kult, und über Kult kann man schwer urteilen. Das Urteil über den neunten Roman um den schrägen Ermittler und seinen noch schrägeren Erzähler mit der sich mündlich gebenden, oft verblosen Kunstsprache und all den Floskeln («aber interesssant»), die Fans zum Jubeln bringen, kann deshalb nur subjektiv ausfallen. Für den Rezensenten ist es der erste «Brenner», und sein anfängliches Amüsement weicht doch bald dem Gefühl, hier treibe einer routiniert sein Sprachmaschinchen voran, das eigentlich auch von alleine weiterlaufen könnte. Immerhin ist die Story witzig und originell angelegt: Leichenteile auf dem Wertstoffhof, ein Mord, der keiner ist, das Thema Organhandel auf den kleinen Grenzverkehr heruntergebrochen, eine Verfolgungsjagd mit gleich vier Autos. Das muss man erst mal hinkriegen. Wolf Haas kanns. Er kann aber noch besseres (siehe den Roman «Junger Mann»). (ebl)
Leserbewertung
ø 4.5
(52 Bewertungen)
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Generation Z

Valentina Vapaux. Gräfe und Unzer, München 2021.
Sachbuch
Foto: Getty Images
Für ältere Semester ist es nicht immer einfach, die Generation Z zu verstehen. Dazu zählen diejenigen, die zwischen 1997 und 2012 geboren sind; für die also soziale Medien, eine deutsche Bundeskanzlerin und Onlinedating selbstverständlich sind. Valentina Vapaux, Youtuberin und Journalistin, gibt uns einen Einblick in deren Welt: Es handle sich, sagt sie, um eine selbstbewusste, freigeistige Generation, die aufgrund der Unzahl an Möglichkeiten aber zugleich orientierungslos und überfordert sei. Vapaux fordert unter anderem ein Schulfach, «das sich komplett mit der digitalen Welt befasst». Es nütze nämlich nichts, wenn die neuen Medien einfach verteufelt würden – notabene: von denen, die sie zu verantworten haben. Sie sieht darin auch Positives, so habe sie selbst erst durch das Internet den Feminismus entdeckt, sei politisch geworden. Und das ist sie absolut, auch wenn sie sich von den gängigen politischen Parteien nicht abgeholt fühlt. In diesem gut zu lesenden Sachbuch sind einige scharfsinnige Gedanken zu Generationenkonflikt, Sexualität und Kapitalismus versammelt. Nur die englischen Gedichte als Füllmaterial hätte sich die Autorin sparen können – was aber höchstwahrscheinlich wiederum nur das Vorurteil eines älteren Herrn ist. (boe)
Leserbewertung
ø 3.5
(7 Bewertungen)
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Ein Stück Himmel

Martin R. Dean. Atlantis Verlag, Zürich 2022.
Roman
Foto: Keystone
Samuel und Florian könnten nicht unterschiedlicher sein: Der eine ist ein erfolgloser Künstler, Herumtreiber und Frauenheld. Der andere ein auf seinen Job fixierter Anästhesiearzt, der seit vielen Monaten schon der verflossenen Liebe nachtrauert. Seit frühester Jugend waren die beiden beste Freunde, bis ersterer nach Rom verschwand und der Kontakt abbrach. Was passierte damals in Italien? Die Frage wird wieder aktuell, als Sam nach einem Unfall auf Flos Behandlungstisch landet und dort die Diagnose Paraplegie erhält. Können die beiden Männer noch zusammen reden wie früher? Sind ihre Lebensentwürfe wirklich so verschieden, wie es scheint? Und wieso sind beide in der Mitte ihres Lebens noch immer solo und kinderlos? Dem Basler Autor Martin R. Dean ist ein Roman mit ordentlichem Tiefgang gelungen, der trotzdem äusserst leichtfüssig daherkommt. Und vor allem zeigt, wie sehr die Vergangenheit uns zu denen macht, die wir sind. (boe)
Leserbewertung
ø 4.0
(9 Bewertungen)
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Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Lea Ypi. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp, Berlin 2022.
Sachbuch
Foto: Getty Images
In «Frei» erzählt Lea Ypi, wie sie als Kind in Albanien die stalinistische Diktatur von Enver Hoxha erlebte – und das, was darauf folgte. «Über Freiheit hatte ich nie viel nachgedacht», schreibt die heute 42-Jährige zu Beginn. Auf welchem Weg sie nach der Schule heimgeht, was sie mit ihrer Freundin spielt – sie kann entscheiden. Doch vieles erscheint ihr rätselhaft. Etwa dass ihre Familie kein schön gerahmtes Porträt des Diktators im Wohnzimmer aufstellt. «Ihr liebt Onkel Enver nicht», bricht es aus ihr heraus. Die Eltern erstarren, ringen nach Worten. Als Leserin weiss man mehr als das Kind Lea. Sie ahnt nicht, dass jedes falsche Wort Deportation oder Tod bedeuten kann. Und doch versteht man auch nicht, warum die Erwachsenen darüber sprechen, wie einige ihrer Freunde ihr Studium abgebrochen hätten. Die Wahrheit sollte grausam sein und kommt erst ans Licht, als das Regime Anfang der 90er-Jahre endgültig fällt. Und als man denkt, dass die Bevölkerung und auch Lea Ypis Familie nun wenigstens endlich frei wären, spürt man förmlich, wie das Land in einen Sog aus Chaos und Gewalt versinkt. «Frei» ist ein Must-read, wenn man Albanien besser verstehen möchte. Und es warten auch grandios-komische Momente auf die Lesenden. Etwa wenn Lea Ypi eine soziologische Analyse der Warteschlangen vor Geschäften vornimmt oder Cola-Dosen als begehrteste Dekogegenstände erklärt. (ahl)
Leserbewertung
ø 4.5
(14 Bewertungen)
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Zeitzuflucht

Georgi Gospodinov. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Aufbau, Berlin 2022.
Roman
Foto: Getty Images
Gerade erleben wir, wie der russische Machthaber die Vergangenheit, nämlich das grossrussische Imperium, mit Gewalt zurückholen will. Insofern liest man Georgi Gospodinovs neuen Roman mit durch die Aktualität geschärftem Blick. Der bulgarische Autor hat sich ein Demenzspital in Zürich ausgedacht, das die Patienten in Retro-Zimmern ihre Jugend wiedererleben lässt – und sie so für Momente aus ihrem Dämmerschlaf herausholt. Leider entwickelt er daraus eine politische Grossfantasie: Die Staaten Europas wählen in einem Referendum jenes Jahrzehnt, in das sie zurückkehren wollen. Im Fall seiner Heimat Bulgarien kommt eine krude Mischung aus Sozialismus und vergangenen «Recken»-Zeiten heraus: arm, repressiv, fremdenfeindlich. Die Warnung des Autors – wer sich in die Vergangenheit zurücksehnt, ist verurteilt, sie in allen Schrecken noch einmal zu erleben - ist wichtig, geht aber in einem Gewirr von Aphorismen, Exkursen und modernistischen Spielereien etwas unter. (ebl)
Leserbewertung
ø 4.5
(2 Bewertungen)
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Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Florian Weber. Heyne Hardcore, München 2022.
Roman
Foto: Getty Images
Lassen Sie sich bloss nicht vom Titel abschrecken: Er ist das unsüffigste an diesem Roman. Geschrieben hat ihn der 1974 geborene Florian Weber, den viele vielleicht besser als Schlagzeuger der deutschen Band Sportfreunde Stiller kennen. Schon die Anfangsszene zeigt, wie irrsinnig und erfrischend es in diesem Buch zu- und hergeht: Heinrich Pohl kommt zu sich – und zwar mitten im offenen Meer auf einer Kühlbox voller Bier treibend. Neben ihm schwimmen ein bewusstloser Clown, ein Lama und ein Klavier … Was ist passiert? Dies kommt dem schrägen Protagonisten nur bruchstückweise wieder in den Sinn. Was als komisches Rätselraten beginnt, wird nach rund 100 Seiten zu einer amerikanischen Road-Novel – und endet, wenn man sich denn vom Titel nicht hat abschrecken lassen, mit einem wahrlich herzerwärmenden und zugleich traurigen Finale. (boe)
Leserbewertung
ø 4.0
(7 Bewertungen)
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